Der Islam hat eine negative Sicht auf menschliches Leben und Würde. Wie kann er Selbstmordattentate rechtfertigen und eine derart rückständige Sicht auf Sexualmoral und Homosexualität vertreten?
Der verbreitete Vorwurf, der Islam werte das Leben ab oder erzwinge eine „rückständige“ Moral, beruht auf einem Missverständnis darüber, wie der Qur'an die Wirklichkeit in zwei getrennte Sphären teilt: die göttliche moralische Leitung für die Seele und das Zivilrecht für Gesellschaft und Staat.
1. Das physische Heiligtum: Das absolute Recht auf Leben
Der Qur'an behandelt das menschliche Leben als „heiliges Treuegut“. Er betrachtet Gewalt nicht als Mittel des Fortschritts, sondern als Angriff auf den Schöpfer selbst.
• Der qualitative Wert einer Seele (5:32):
مِنْ أَجْلِ ذَٰلِكَ كَتَبْنَا عَلَىٰ بَنِي إِسْرَائِيلَ أَنَّهُ مَن قَتَلَ نَفْسًا بِغَيْرِ نَفْسٍ أَوْ فَسَادٍ فِي الْأَرْضِ فَكَأَنَّمَا قَتَلَ النَّاسَ جَمِيعًا وَمَنْ أَحْيَاهَا فَكَأَنَّمَا أَحْيَا النَّاسَ جَمِيعًا
„Aus diesem Grunde haben Wir den Kindern Isra’ils vorgeschrieben: Wer ein menschliches Wesen tötet, ohne (daß es) einen Mord (begangen) oder auf der Erde Unheil gestiftet (hat), so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte. Und wer es am Leben erhält, so ist es, als ob er alle Menschen am Leben erhält.“
(Qur'an 5:32)
Die Logik: Ein unschuldiges Leben ist mathematisch gleichwertig mit der gesamten Menschheit. Kein politisches Ziel ist das Blut eines unschuldigen Menschen wert. Es versteht sich von selbst, dass sich dies an die Menschheit als Ganzes richtet und nicht nur an die Kinder Israels.
• Die Ablehnung der Selbstzerstörung (4:29):
يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا لَا تَأْكُلُوا أَمْوَالَكُم بَيْنَكُم بِالْبَاطِلِ إِلَّا أَن تَكُونَ تِجَارَةً عَن تَرَاضٍ مِّنكُمْ ۚ وَلَا تَقْتُلُوا أَنفُسَكُمْ ۚ إِنَّ اللَّهَ كَانَ بِكُمْ رَحِيمًا
„O die ihr glaubt, zehrt nicht euren Besitz untereinander auf nichtige Weise auf, es sei denn, daß es sich um einen Handel in gegenseitigem Einvernehmen handelt. Und tötet euch nicht selbst (gegenseitig). Allah ist gewiß Barmherzig gegen euch.“
(Qur'an 4:29)
Die Logik: Selbstmord ist eine Zurückweisung der Barmherzigkeit Gottes. Ein „Selbstmordattentäter“ begeht zwei endgültige Sünden: Mord und einen endgültigen Mangel an Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit.
2. Das moralische Heiligtum: Göttliche Leitung vs. persönliche Entscheidung
Der Islam gibt einen klaren moralischen Kompass vor, unterscheidet aber zwischen Sünden (Verstößen gegen Gottes Leitung) und Verbrechen (Verstößen gegen öffentliches Recht).
A. Die moralische Landkarte: Enthaltsamkeit als „steiler Paßweg“
Der Islam heißt nicht alle menschlichen Begierden gut. In der Geschichte des Propheten Lot (Lut) benennt der Qur'an gleichgeschlechtliche Handlungen als Übertretung.
أَتَأْتُونَ الذُّكْرَانَ مِنَ الْعَالَمِينَ (165) وَتَذَرُونَ مَا خَلَقَ لَكُمْ رَبُّكُم مِّنْ أَزْوَاجِكُم ۚ بَلْ أَنتُمْ قَوْمٌ عَادُونَ (166)
„Laßt ihr euch etwa mit Männern unter den Weltenbewohnern ein und laßt, was euer Herr für euch an Gattinnen erschaffen hat, stehen? Aber nein! Ihr seid Leute, die Übertretungen begehen.“
(Qur'an 26:165-166)
- Die Logik der Prüfung: Menschen werden mit verschiedenen Neigungen geboren. Ein Gefühl zu haben ist keine Sünde – danach zu handeln kann es sein. Ein Gläubiger erkennt, dass nicht jedem Impuls gefolgt werden soll.
- Der Sinn des Opfers: Das Paradies wird erlangt, indem man den „steilen Paßweg“ der Enthaltsamkeit geht.
وَمَا أَدْرَاكَ مَا الْعَقَبَةُ (12) فَكُّ رَقَبَةٍ (13)
„Und was läßt dich wissen, was der steile Paßweg ist? (Es ist) die Freilassung eines Sklaven [wörtlich: das Lösen einer Raqaba] …“
(Qur'an 90:12-13)
Wahre Freiheit ist die Fähigkeit, zu einem Impuls „Nein“ zu sagen – zugunsten eines höheren, göttlichen Zwecks.
B. Das Zivilrecht: Gottes Hudud vs. die Reichweite des Staates
Der Qur'an gibt eine Reihe von „Hudud“ (Grenzen) vor. Das sind spezifische Verbote; doch Gott hat der Gesellschaft einen weiten „leeren Raum“ gelassen, um Zivilgesetze zur Regelung des Verhaltens zu schaffen. Der Staat ist befugt, öffentlichen Schaden zu regeln, aber es ist ihm verboten, das Privatleben zu überwachen.
• Die Schranke der Privatsphäre (Die vier Zeugen):
وَالَّذِينَ يَرْمُونَ الْمُحْصَنَاتِ ثُمَّ لَمْ يَأْتُوا بِأَرْبَعَةِ شُهَدَاءَ فَاجْلِدُوهُمْ ثَمَانِينَ جَلْدَةً وَلَا تَقْبَلُوا لَهُمْ شَهَادَةً أَبَدًا ۚ وَأُولَٰئِكَ هُمُ الْفَاسِقُونَ
„Diejenigen, die den ehrbaren Ehefrauen (Untreue) vorwerfen und hierauf nicht vier Zeugen beibringen, die geißelt mit achtzig Hieben und nehmt von ihnen niemals mehr eine Zeugenaussage an – das sind die (wahren) Frevler –, …“
(Qur'an 24:4)
Die Logik: Diese Anforderung ist ein rechtliches „Schloss“ an der Schlafzimmertür. Solange eine Sünde nicht so offenkundig begangen wird, dass vier Menschen sie in der Öffentlichkeit sehen, hat der Staat kein Recht zu ermitteln. Das ist ein klares Beispiel für die im Islam getroffene Unterscheidung zwischen Gottes Hudud und der Reichweite des Staates. Selbst wenn eine Sünde begangen wurde: Solange sie nicht von Gesellschaft bzw. Staat geregelt ist, bleibt das Urteil (Strafe/Belohnung) Gott überlassen! Dies wird weiter unten näher erläutert.
3. Das Fundament des Bürgerstaates: Gewissensfreiheit
Das Medina des Propheten war ein Bürgerstaat, der das religiöse Urteil von der zivilen Regierung trennte.
• Kein Zwang (2:256):
لَا إِكْرَاهَ فِي الدِّينِ ۖ قَد تَّبَيَّنَ الرُّشْدُ مِنَ الْغَيِّ
„Es gibt keinen Zwang im Glauben. (Der Weg der) Besonnenheit ist nunmehr klar unterschieden von (dem der) Verirrung.“
(Qur'an 2:256)
• Die Grenze der Zuständigkeit:
وَمَا اخْتَلَفْتُمْ فِيهِ مِن شَيْءٍ فَحُكْمُهُ إِلَى اللَّهِ
„Und worüber ihr auch immer uneinig seid, das Urteil darüber steht Allah (allein) zu.“
(Qur'an 42:10)
قُلْ أَغَيْرَ ٱللَّهِ أَبْغِى رَبًّۭا وَهُوَ رَبُّ كُلِّ شَىْءٍۢ ۚ وَلَا تَكْسِبُ كُلُّ نَفْسٍ إِلَّا عَلَيْهَا ۚ وَلَا تَزِرُ وَازِرَةٌۭ وِزْرَ أُخْرَىٰ ۚ ثُمَّ إِلَىٰ رَبِّكُم مَّرْجِعُكُمْ فَيُنَبِّئُكُم بِمَا كُنتُمْ فِيهِ تَخْتَلِفُونَ
„Sag: Soll ich einen anderen Herrn als Allah begehren, wo Er doch der Herr von allem ist? Jede Seele erwirbt nur gegen sich selbst. Und keine lasttragende (Seele) nimmt die Last einer anderen auf sich. Hierauf wird eure Rückkehr zu eurem Herrn sein, und Er wird kundtun, worüber ihr uneinig zu sein pflegtet.“
(Qur'an 6:164)
Die Logik: Wenn Bürger in privaten moralischen Fragen uneins sind, weist der Qur'an den Staat an, sich zurückzuhalten. Dieses Urteil gehört Gott am Tag der Auferstehung – nicht der Polizei von heute.
Die Korrektur der Steinigung: Während die Steinigung im Judentum eine Strafe war (z. B. 5. Mose 22,23–24), lässt der Qur'an sie vollständig weg und entscheidet sich stattdessen für gesellschaftliche Ächtung – und dies nur bei öffentlichen Handlungen. Das war ein historischer Schritt hin zu einer barmherzigeren Bürgergesellschaft.
Synthese: Das rationale Gleichgewicht
Der Islam ist eine Religion freiwilliger Vortrefflichkeit.
- Der Einzelne wird angeleitet, der göttlichen Moral zu folgen und seine Begierden zu zügeln, um spirituell zu wachsen.
- Der Staat ist auf ein „Zivilrecht“ beschränkt, das die öffentliche Sicherheit schützt; es ist ihm aber strikt verboten, das Heiligtum der privaten Seele zu verletzen.
Dieser Rahmen schafft einen „Bürgerstaat“, in dem das Gesetz den Körper schützt, während Gott das Herz leitet.